Anfang Juni hat die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer Sitzung beschlossen, die lockere Geldpolitik fortzusetzen. Zudem startete das schon im März angekündigte Anleihekaufprogramm. Das bedeutet, dass die Zinsen am Finanzmarkt wie auch die Anleiherenditen weiterhin niedrig gehalten werden, um die Investitionstätigkeit durch günstige Kredite zu unterstützen. Andreas Schrobback, Immobilienunternehmer aus Berlin, erläutert, was dies für Immobilien- bzw. Finanzierungsinteressenten bedeutet und mit welcher weiteren Entwicklung zu rechnen ist. 

Baufinanzierungszinsen weiter auf Seitwärtskurs

Die Zinsen für Baufinanzierungen befinden sich auch weiterhin auf Seitwärtskurs mit leichten Schwankungen. Immobilieninteressenten wird empfohlen, das niedrige Zinsniveau entweder direkt zu nutzen oder aber dieses z. B. über Forward-Darlehen für die Zukunft zu sichern. Möglich (durch die niedrige Zinsbelastung) wird auch ein sogenannten Volltilgerdarlehen, was am Ende der Laufzeit komplett getilgt ist, was eine schnelle Schuldenfreiheit bedeutet. Eine Bestzinsmarke für 10-jährige Immobilienfinanzierungen lag Mitte Mai diesen Jahres bei 0,93 % - das ist ein historischer Tiefstand. Der von der EZB festgelegte Leitzins liegt auf 0,0 % - das bedeutet, dass die Geschäftsbanken sich kostenlos von der EZB Geld leihen können. Über kurze bzw. mittelfristige Sicht scheint sich dieses Niveau auch halten zu können. Allerdings drohen auch Einflüsse, die eine Änderung bewirken könnten. Sicherheitshalber sollten Immobilien- bzw. Finanzierungsinteressenten deshalb mit Bedacht handeln.

Was könnte dazu führen, dass die Zinsen wieder anziehen?

Auf der letzten Sitzung wurde bereits die Wachstumsprognose für die Eurozone um 0,2 % auf neu 1,6 % erhöht. Für die kommenden Jahre wird dann ein Wachstum von ca. 1,7 % jährlich erwartet. Zudem wird mit weiterhin niedrigen Verbraucherpreisen gerechnet. Tritt diese Entwicklung ein, wird die aktuelle, expansive Geldpolitik voraussichtlich beibehalten. Wird jedoch die Marke bei 2 % durchbrochen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Zinspolitik eine Änderung erfährt. Viele Fachleute sind der Ansicht, dass es jedoch noch einige Zeit braucht, um die Folgen der aktuellen Zinsmaßnahmen abschätzen zu können. Allerdings ist nicht nur die Entwicklung in Deutschland wichtig, sondern auch die Entwicklung in anderen europäischen Ländern und auch global. Änderungen hier könnten auch zu Einflüssen in Deutschland führen. Inwieweit der Brexit noch Einfluss haben wird, muss sich in den kommenden Wochen und Monaten zeigen. Fest steht, dass man sich niemals sicher sein kann, wie lange die aktuelle Niedrigzinsphase noch anhalten wird, auch wenn die Anzeichen im Moment eher auf eine kurz- und mittelfristige Homogenität deuten. 

Hat die EZB ihre Kompetenzen überschritten?

Die im März angekündigten Wertpapierkäufe der EZB beziehen sich auf Staatsanleihen, Pfandbriefe und Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Seit Anfang Juni wird diese Strategie verfolgt, um die Zinsen am Anleihemarkt zu drücken und so die Kreditkonditionen für die Emittenten zu verbessern. Dies soll neben den niedrigen Zinsen für einen Anschub der Wirtschaft sorgen. Von einigen Experten wird diese Maßnahme als ein Eingriff in die Realwirtschaft angesehen, was faktisch eine Überschreitung der Kompetenzen der EZB wäre. Eine solche Marktverzerrung könnte auch zu ungewollten Auswirkungen führen. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob eine Schuldenblase entstehen könnte – je nachdem, welchem Verwendungszweck das „billige Geld“ von den Unternehmen zugeführt wird.

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